Junges Gemüse 6
Hannah Lindner 2


Hannah Lindner wurde 1996 in München geboren und lebt in Freising. Sie befindet sich noch bis Frühjahr 2015 auf dem Weg zum Abitur. Erste literarische Versuche seit der Teilnahme an der Schreibwerkstatt des Literaturhauses München im Sommer 2013. Ihre neue Kurzgeschichte heißt zwar „Erstes Kapitel“ ist aber bereits ihre zweite literarische Ernte für unser Junges Gemüse.
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Erstes Kapitel

Wahrscheinlich war es ein gutes Ende gewesen, dachte Helena später. Der vorletzte Tag im Juni, strömender Regen und eine Autobrücke aus Beton. Sie war ruhig und konzentriert mit dem Fahrrad gefahren, sie hatte nicht gezögert, sicher, sie hatte sich überlegt, einfach stehen zu bleiben und umzukehren, niemand hätte sie davon abhalten können, das war wichtig. Trotzdem hatte sie es nicht getan, sie war durch den strömenden Regen gefahren und hatte sich den Gürtel ihres Regenmantels noch enger geschnallt, der Gürtel hielt den grüngrauen Stoff fest und Helena gleich mit, sie glaubte, dass sie ohne den Gürtel nicht aufrecht hätte sitzen können.

Sie fuhr den kleinen, unebenen Weg am Fluss entlang, sie hatten sich an der Brücke verabredet und Helena versuchte, an den Bäumen vorbeizuschauen, sie wollte sehen, ob er dort auf sie wartete, eigentlich wollte sie es nicht.

Er kam ihr dann entgegen und sie bemerkte ihn erst nicht, hatte nicht mit ihm gerechnet, das waren zwanzig Meter zu früh. Die gelbe Jacke, die er trug, kannte sie nicht, vielleicht lag es auch daran. Sie wusste nicht, welcher Gesichtsausdruck jetzt passte, sollte sie ernst sein, ihn vorbereiten, oder sollte sie lächeln, ich freu mich dich zu sehen.

Er sagte nichts, lehnte sein Fahrrad an die nassen Sträucher daneben und blieb stehen, bis sie dasselbe tat, dann ging er auf die Brücke zu, ohne sich nach Helena umzusehen, sie lief ihm hinterher und schwieg. Er sah nicht ungeduldig aus, fand sie, sondern ruhig und ganz und gar sicher, Helena überlegen. Sie wollte es ihm sagen, jetzt und gleich und einfach so, der Rest wäre dann leichter, so hatte sie sich das gedacht. Aber er sah sie nicht an, erwartete nichts, und Helena biss sich auf die Lippen, die Hände in den Manteltaschen vergraben, der Stoff war nass und fest und tröstlich. Sie spürte das laute Klopfen ihres Herzens und hatte Angst, dass er es hören konnte, ein gleichmäßiges Pochen der Machtlosigkeit.

Helena konnte sich an seinen Herzschlag erinnern, daran, wie sie ihren Kopf an seinem Hals versteckt hatte, damit sie ihn nicht hören musste, aber dort hatte sie den Puls gespürt, und das Gefühl ertrug sie noch weniger, auch bei ihrem ersten Treffen. Sie hatte überlegt, woran er dachte, wenn er sie so ansah, wenn er zufrieden wirkte, ein wenig spöttisch, was glaubte er zu wissen. Wie sie auf seinem Sofa gelegen hatte, ein warmer Tag im Frühling, der Efeu wuchs an der Hauswand entlang, die Sonne wanderte weiter und die Zeit verstrich.

Abends war sie gegangen, er hatte nicht gefragt, wann sie sich wiedersehen würden, sein Geruch hing in ihren Kleidern noch lange danach.

„Ich kann nicht“, sagte sie jetzt, plötzlich und mit sie selbst erstaunendem Trotz, das musste er doch verstehen, was gab es da zu erklären.

Er schwieg und hörte sich ihre stockenden Sätze an, betrachtete die Unsicherheit und die kaum zu versteckende Angst, dann lächelte er, gezwungen oder belustigt, traurig oder gelassen, Helena hätte das gerne gewusst. „Schau nicht so verzweifelt, du kannst nichts dafür“ und Helena antwortete nicht, wie sollte sie Mitleid haben, wenn er es nicht brauchte, wie sollte sie weinen, wenn es keinen Grund dafür gab.

Unter der Brücke blieb er stehen und lehnte sich an die Mauer, Helena lehnte sich daneben und wartete, betrachtete die einzelnen, grauen Tropfen, die den Stein hinunterrannen, die undichten Leitungen, die unter der Straße verlegt waren und sich in den schmutzigen Pfützen spiegelten, den Fluss, der kalt und schnell dahinter vorbeifloss. Niemand außer ihnen, der sich daran erinnern konnte, nur und allein sie beide, zusammen. Sie konnte sein Gesicht sehen, den Blick auf etwas gerichtet, von dem sie nichts wusste, sein schönes Profil unter nassem Haar, manchmal bewegten sich seine Lippen, er sagte nichts.

Er hatte nie viel zu ihr gesagt, geküsst hatte er sie, das schon. Nachts auf einem Spielplatz, Geburtstag und Alkohol, Helena hatte nicht viel getrunken, aber genug. Sie ging gerne nachts spazieren, mochte das Gefühl einer ihr fremden Stadt, die Menschen waren dann ehrlicher, bedeutsamer und besser. Sie selbst zumindest. Helena hatte in den schwarzen Himmel gesehen, schwarze Bäume um sie herum und irgendwo schon schwarze, singende Vögel. Sie hatte sich küssen lassen und ihn dabei beobachtet, nur ein Schemen vor der dunklen Nacht dahinter, war es das, was er erwartete. Zusammen waren sie zurückgegangen, Helena so unendlich müde, das war ihr erster Kuss gewesen.

Jetzt stand sie neben ihm, sehr lange und zitternd vor Kälte, bis er sagte, er hätte keine Fragen mehr, Helena fand diesen Satz seltsam, keine Fragen mehr, er hatte doch nie welche gehabt, zumindest nicht an Helena.

Sie kehrten um und gingen zu den Fahrrädern, entschlossen und in verschiedene Richtungen blickend, ein älterer Mann lief an ihnen vorbei, enge Leggins, neongrüne Jacke und ein kurzes, abschätziges Mustern.

Ein junges Paar, das sich nichts zu sagen hatte, flüchtige Bekannte, bemüht, sich nicht zu berühren, wer konnte das sagen, wo war da der Unterschied. Helena war sich sicher, dass sie angestarrt wurde, wenn sie mit ihm zusammen war, zu verschieden waren sie, seine festen Schritte und kräftigen Hände gehörten hierher, gehörten nach draußen, selbst jetzt mit seiner gelben Jacke, kälteisoliert und wasserabweisend. Daneben sie, frierend und stolpernd, ihr dünner Mantel vollgesogen mit Nässe, sie könnte hier stehen bleiben und wäre für immer verschollen, ein schmaler, grüner Schatten zwischen all den Buchen und Fichten.

Dann war der Läufer vorbei und Helena sah zur Seite, entspannte ihr Gesicht, der leere, gleichgültige Ausdruck war nicht mehr nötig. Für ihn war sie traurig, da hatte sie keine Wahl, alles andere würde sie sich nicht verzeihen. Sie hatte befürchtet, mehr vorgeben zu müssen, aber es ging von ganz alleine, Helena fand das nur richtig.

Sie gingen um die Böschung herum und sahen ihre Fahrräder, Helena ging schneller und sperrte ihres auf, konzentriert vornüber gebeugt, vier Zahlen hat das Schloss, gleich ist es vorbei. Als sie nichts mehr zu tun hatte, trat sie einen Schritt zurück und band ihren Mantelgürtel so fest, dass ihr das Atmen schwer fiel, klare, feuchte Sommerluft, zum Ersticken war das. Was brauchte er denn so lange, vier Zahlen hat das Schloss, unkompliziert und einfach.

Er ging auf sie zu und umarmte sie, kurz und bedeutungslos, sein Gesicht abgewandt von ihrem. Heuchlerisch, fand sie, wem spielten sie etwas vor, oder machte es ihm so wenig aus, nein, so war es nicht, sein alberner Stolz, das war alles. Ein anderer als noch gerade eben, ein anderer für Helena, fremd und weit weg.

„Tschüss“, sagte er und fuhr los, seine gelbe Jacke zwischen den dunklen Bäumen, kein Blick zu Helena, das war jetzt vorbei. Sie blieb noch ein wenig an der Kreuzung stehen, vielleicht würde er ja zurückkommen, noch etwas sagen wollen, die Möglichkeit sollte er haben, das war sie ihm schuldig. Die Tropfen lösten sich von ihren Haaren und fielen gleichmäßig zu Boden.

Einmal hatte sie ihm gesagt, dass er trotzig und schutzlos wirkte, wenn sie zu zweit waren, dass er nur abwechseln würde zwischen diesen beiden Ausdrücken. Er hatte gelacht und gesagt, schutzlos, ja, das würde wohl stimmen, aber trotzig, nein, das könne er sich nicht erklären.

Erst als das Wasser, das sich um sie herum sammelte, ihre Schuhe durchnässt hatte, bewegte sie sich. Die Autos rasten an ihr vorbei, gleichmäßig und ohne Unterbrechung, aber sie selbst fuhr langsam, vorsichtig, die Kapuze zurückgestrichen und ihr Gesicht im Regen. Ihr gefiel, wie sie jetzt aussah, regloses Gesicht und aufrechte Haltung. Die lag am Gürtel, wahrscheinlich.