Fundstücke 2
There’ll be blood


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In unserer Reihe „Fundstücke“ stellen wir Bücher, Autoren, Musik oder Bilder vor, die uns zufällig begegnet sind und uns berührt haben, die es wiederzuentdecken oder weiterzureichen gilt. Angeschwemmtes, wertvolles Strandgut. Heute: das Debütalbum des Münchner Musikprojekts There’ll be blood.

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Nie ist der Mensch so frei, wie wenn er schreit

Von Fridolin Schley

Was will einem ein Album sagen, das in Anspielungen und Zitaten so unterschiedlichen Einflüssen wie Emily Bront, T. S. Eliot, Charles Bukowski oder Falco seine Referenz erweist? Dass kein leichtes Herz in ihm schlägt? Dass es einen inneren Raum bespielen wird, der so dicht angefüllt ist mit Schmerz, dass in ihm alles mit allem verbunden ist? Denn nur der Schmerz ist ganz bei sich und über jede Grenze erhaben, nur er kann nie in Frage gestellt werden, am wenigsten in der Musik, dem Medium der Verbindung, des Flusses. Vor allem aber heißt es wohl, dass hier jemand keine Angst vor zu viel Bürde hat, was umso erstaunlicher ist, als die Bürde der Angst auf fast allen der versammelten Stücke lastet, wenn auch in eherner Schönheit. Und es heißt, dass sich hier jemand hingibt, im wahren Sinne, sich rückhaltlos ausliefert an eine Schattengemeinschaft – von Vorgängern und Seelenverwandten, von Geistern und Gestalten, die es in der Musik zu umarmen gilt, um sie sich so vielleicht noch einen Moment länger vom Leib zu halten.

Dass einen etwas berührt – das sagt man so schnell. Aber wenn es, wie beim Hören dieses Albums, wirklich einmal zutrifft, dann ist es manchmal leichter, zu beschreiben, was damit nicht gemeint ist: Musik berührt, wenn sie nicht plump nach einem fasst. Wenn sie einen schlägt, aber nicht erschlägt.

Trotz des Gewalt- und Todespathos, das dem Metal-Genre eigen ist (der Begriff beschreibt die Musik von There’ll be blood freilich unzureichend, beschreibt eher ihre Wurzeln) – und auch hier tragen die Stücke Titel wie Destroy oder Die Alone – wird man nicht begraben unter Lautstärke und Lärm des Untergangs. Immer wieder dringen feingliedrige Soundeffekte an die Oberfläche, ein Pulsieren wie von atmenden Dämonen. Der Tod spielt durchaus eine dominante Rolle, aber anders als gewöhnlich eher die des Untoten, er wird noch im ganz ursprünglichen Sinne beschworen – um gebannt zu werden, um den Blick zu öffnen auf die Lebenden. Es wird nicht nur lauthals gestorben, sondern hier lebt buchstäblich noch etwas in den Klängen, so wie in jedem guten Hardcore immer auch Heartcore pocht, Herzblut fließt. Dass bei There’ll be blood dieses Herz stets gebrochen ist, erhöht nur noch die Dringlichkeit, mit der die Musik vorantreibt, sie verharrt nicht in Erdenschwere, sondern weiß, dass auch Melancholie eine wütende Form des Widerstands sein kann, dass der lauten Trauerklage die Möglichkeit auf Erlösung innewohnt. Wenn hier geschrien wird, dann nie aus genreeitler Selbstzweckdienlichkeit; es ist vielmehr der Abwehrzauber gegen den immer näher rückenden Chor aus Stimmen, die einem im Ohr flüstern und dröhnen im Grenzgebiet zwischen Wachen und Träumen, auf dem Weg in jenes unentdeckte Land, aus dem, wie es heißt, kein Wanderer je wiederkehrt. Sprechen, Singen, Flüstern – das sind nur unterschiedliche Tonarten des ersten aller Lebens- und Sterbenszeichen: des Schreis. Wir schreien bei der Geburt, wir schreien beim Sex, wir schreien beim letzten Sturz ins Dunkle. Manchmal schreit man, um sich nicht zu verlieren, nicht auch noch sich. Im Schrei wie in der Musik fließt alles Getrennte ineinander, und nie – das ist sogar neurologisch belegt – ist der Mensch so frei, wie wenn er schreit. Oder lacht.

Von solchen Widersprüchen und Ambivalenzen leben die Stücke von There’ll be blood, gute Musik hält sie aus, ohne das Disparate aufzulösen. Die Schreie gehen hier oft einher mit Moll-Harmonien, sie tönen nicht haltlos ins Leere, fast als hätten sie selbst eine Melodie, und sei es die der Trauer, die einen hält und reinigt, selbst wenn sie einen schüttelt und peinigt. Nicht umsonst gibt es keinen älteren Gesang als die Trauerklage. Marco Walzels Gesang ist so klug, die Musik nie zu übervorteilen, er verinnerlicht den Herzschlag der Basslinie, er hat Rhythmus und Richtung, stürmt nicht blindlings voran, sondern ist kontrolliert, sogar noch wenn es heißt, we lost control … Wer so beherrscht den eigenen Abgang verkündet, der überlebt, das war schon immer eines der schönsten Kunststücke der Rhetorik.

Auch die Musik schafft mehr eine beharrliche, bleibende Atmosphäre, als dass sie Strophen abhaken würde. Sie ist nicht nur der Rahmen für die Kraft des Gesangs; die Stücke sind keine Zeitfenster, die gestopft werden müssen, sondern Räume mit eigener Zeit. Sie verschwinden nicht einfach mit dem letzten Ton, sondern schlagen Widerhaken ins Ohr, etwas bleibt von ihnen zurück und scheint in einer Sphäre zu wabern, die das ganze Album überwölbt. In dieser Sphäre unterscheiden sich Schweigen, Flüstern und Schreien nicht kategorial. Sie künden gleichermaßen von den Verlorenen und der Unheimlichkeit ihrer Wiederkehr, wie in einem Traum, bei dem die Abwesenden oft seltsam überscharf vor uns stehen, vertraut und fremd zugleich.

Gerade die Dissonanzen und Brüche, mit denen Erik Weingarten arbeitet, führen einen beim Hören auf solch unsicheres, dünnes Eis, überraschende Beschleunigungen oder Verzögerungen hintertreiben bequeme Eingängigkeit – meist genau in dem Moment, in dem man glaubt, ein Stück verstanden zu haben. Es ist im besten Sinne kein Verlass auf diese Musik, das macht sie berauschend, so wie auch Schlaflosigkeit irgendwann zu Euphorie führt. Man kommt nicht zur Ruhe, sondern tappt wie ein Somnabuler durch die leicht surrealen Soundräume oder wie eine jener wankenden Gestalten, die hier immer wieder besungen, beschworen werden, die keinen Frieden finden und keinen Frieden hinterlassen bei den Zurückgebliebenen und deshalb zum ewigen Wandern zwischen den Welten verurteilt sind. Die Schattenwesen, die in Sleep of death um das Bett herum stehen, vertiefen nur die Trauer des Schlafwachenden, denn mit dem anbrechenden Tag werden sie wieder gehen – aber eben ohne zu vergehen. Erlösung von ihnen gibt es nur um den Preis des Lebens, die Erinnyen, die Furien der Erinnerung, tötet man nur mit sich selbst, der Tod ist Schlafes Bruder, doch wer schläft, liebt nicht, wer stirbt, kann nicht mehr vergeben, und so bleibt am Morgen doch bloß das Erwachen im Leben, das auch nur ein Grab ist, aber im Vergleich zum Tod ein helleres, eines, das noch nicht zugeschüttet ist.

In – oder eher: unter – dem Album vibriert eine stetig anhaltende Unruhe, wie ein Ton, der nicht vergeht. Es ist eine Musik der Unruhe, und auch auf der Textebene geht es in fast allen Stücken um das paradoxe Nicht-Vergehen des Vergehens, um das Nicht-vergessen-können. Aber ebenso um die Erlösung, die in der schwelenden Unruhe latent angelegt ist, in dem Lebenswillen, der ihr innewohnt. Denn die Unruhe ist eine schöpferische Kraft. Für Nietzsche ist sie eine existenzielle Grundbestimmung, die auf die Instabilität des Menschen als krisenhaftes Wesen antwortet, für Hegel ist sie der natürliche Zustand jeden Anfangs, und dass wir sie überhaupt spüren können, dass wir unsere Leben als Geschichten wahrnehmen, die immer wieder neue Anfänge finden, erst das macht uns für Hannah Arendt zu Menschen. Ich zu sagen, bedeutet, eine unruhige Geschichte von sich zu erzählen.

Obwohl die Musik von There’ll be blood mit dieser Form der Unruhe, des Fragmentarischen arbeitet, macht sie nicht etwa halbe Sachen, so wenig wie das Leben selbst und die Verluste, die es bringt. Heraufbeschwörung und Selbstbefreiung vom Verlorenen – es geht immer um beides zugleich, beides ist ineinander verschlungen, halb im Kampf, halb im Tanz.

Am leichtesten erzählt noch Young Lips von der dunklen Wolke des bleibenden Verlusts, die hier über allem schwebt. Das Stück hat die flirrende Zähigkeit eines Nachmittags aus der Kindheit, wenn zwischen Mittag und Abend ein ganzes Leben passen konnte – und alles andere eh; eine Elegie, so schwerelos, wie es dem Süßen Vogel Jugend gebührt. Auch in Too young erscheint die Jugend als ebenso verführerischer wie gefährlicher Zeitraum, in dem noch die dunkelsten Ecken ein strahlendes Geheimnis versprechen, eine Attraktion der Taubheit, des sanften Eingebettetseins in Momente, die in den Abgrund locken wie die Lippen, die wir küssten, und in denen man dachte, jetzt könnte man auch abtreten und hätte nichts mehr versäumt.

Nach dem ersten großen Verlust, jenem von der Absolutheit des Heranwachsens, wandelt sich die jugendliche Sehnsucht nach verewigtem Jetzt, nach vollkommenen Augenblicken, die nicht verblassen sollen und doch wie jeder Rausch vergehen müssen, gewissermaßen in sein seitenverkehrtes Spiegelbild. Denn je reifer man wird, desto härter fällt man, da hilft einem alle Vernunft des Alterns nicht. Auch davon sprechen diese Stücke. Und davon, wie die Wünsche sich verändern mit zunehmender Schmerzempfindlichkeit. Bei aller Härte der Musik behauptet sich ein bewegend widerständiges, mehr spür- als hörbares Verlangen zwischen den Noten und Zeilen, zwischen der Angst und der Angst vor der Angst (It’s the fear of fear killing us all), ein Verlangen nach Verwurzelung und Wachstum, denn alle Zerrissenheit will Stetigkeit, und sei es nur die der Einsamkeit und der verlorenen Liebe that feels like a new home. In einer einfachen Textzeile wie The truth is we are alive artikuliert sich dieses Aufbegehren gegen die Bequemlichkeit des Morbiden und die Kälte, das heroischer ist als jeder Todesmut und schließlich in Die Alone mündet, dem vielleicht ergreifendsten, bedrängendsten Stück des Albums, ein schonungsloses Bohren in inneren Qualen – der des Verlorenen wie der Verlierenden – ein Abschiednehmen, das ohne Selbstmitleid auskommt, weil es weiß, dass man manchmal etwas loslassen muss, um es zu bewahren.

So funktioniert das ganze Album nach einem Prinzip des ästhetischen Widerstands, der Selbstauslieferung an düstere existentielle Grenzbereiche, an das Wasteland, jenes wüste Land, in dem man sich vergeudet, sich verschwendet aus Angst vor Stillstand, wo man lieber krachend zu Boden geht, als noch länger ängstlich über den brüchigen Belag unseres Alltag zu schleichen, denn darunter dräut längst die Tiefe, und keine Versicherung, keine Stadtverwaltung kann einen schützen vor der Leere. Doch gerade in dieser selbstbestimmten Kapitulationserklärung steckt bereits das Rückfahrticket zur Endstation Sehnsucht, einer Sehnsucht nach dem Lebendigsein, selbst wenn es nur in der Todeserfahrung zu spüren ist, nach dem richtigen Leben im falschen, einem, das man spüren kann, anstatt nur zu wissen, dass man es führt.

Man hat immer eine Wahl. Loslassen über dem Abgrund – um zu merken, dass man nicht fällt, dass einen wider Erwarten doch etwas trägt, das ist die Formel dieses Albums, das einen oft – wie in dem eisigen Stück Cold – einfriert, mit jener Kälte umfängt, in der all die Randgänger zittern müssen, die es besingt, die Sklaven eines Mannes namens Angst (der uns umarmt und erdrückt in der gleichen fließenden Bewegung), nur um einen dann ganz langsam wieder aufzutauen, und was gibt es Schöneres als das Kribbeln, mit dem das Blut zurückströmt in die Poren und mit ihm die Hoffnung, endlich aus dem Wartesaal in die Welt zu stürmen, mit Wut in sich als treibender Lust, die man ins Weite brüllen muss, um sich nicht zu verlieren, nicht aus noch sich.

Irgendjemand wird es hören, und wissen, er ist nicht allein, nichts gibt mehr Kraft, als gebraucht zu sein, I’m the one who will be here / I’m the one who truly cares. Dieser Jemand ist man natürlich vor allem selbst, alone with the ghosts, der mit Selbstbeschwörungen, Stoßgebeten und Mantren aufrecht zu halten ist, If you’re going to try, go all the way, mühsam zwar, aber mit Herzblut, wenn Du auch leidest, frierst, hungerst oder trauerst, mach es ganz, Erlösung liegt nur in der Hingabe, die den Mut verlangt, durch die Nacht zu reiten, allein mit den Geistern, um zu erfahren, dass auch Dämonen Götter sind. Nur in der tiefen Nacht kann man am Himmel einen tanzenden Stern gebären sehen.

Nie ist der Mensch so frei, wie wenn er schreit – oder lacht, und so endet dieses eindringliche Album mit einem perfekten Bild, dem des Ritts durch die Nacht, durch das Leben, straight to perfect laughter.

There‘ll be blood, ja, Blut wird fließen, aber so lange Herzblut fließt, schlägt das Herz zumindest noch.

 

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